Die Neo-Machos

Der moderne Mann gibt sich aufgeschlossen und kosmopolitisch. Er rasiert sich die Achseln, verbringt fast so viel Zeit im Drogeriemarkt wie eine Frau und ist nicht typischerweise handwerklich begabt. Auch beim Bekleiden ist ein Mann heute so eitel wie früher nur Frauen und Schwule. Man könnte auf die Idee kommen, dass zumindest moderne Männer und nicht die aus gewissen konservativen Kulturen auch im Kopf keine Frauen-Stereotype mehr fixiert haben, nach denen sie ihr Bild von typisch weiblichen Eigenschaften zeichnen- was eine Frau halt so macht und wie eine Frau halt so ist. Aber der moderne Mann ist scheinbar nur äußerlich ein liberaler Kosmopolit- der Glaube an das Weib in der Frau ist in ihm immernoch tief verwurzelt. So kommen meine Mitbewohner immer, wenn ihnen irgendwo ein Knopf in der Kleidung fehlt, zu mir- ich soll die Knöpfe wieder einnähen, weil Frauen ja viel mehr Fingerspitzengefühl (zumindest bei Sklavenarbeiten) haben und weil das halt alle Frauen machen und ich mich dem nicht verweigern darf. Ich bin da jedoch mit meinen Wurstfingern und der völligen Unfähigkeit, auch nur einen Faden in die Nadel zu bringen oder gar zu nähen wohl eine Ausnahme. Dafür kann ich andere Sachen gut, die normalerweise echt starke und handwerklich begabte Männer machen sollten- wenn sie es denn könnten! Gestern wurde ich von meinem Mitbewohner gebeten, ihm etwas zu essen zu machen. Habe ich gemacht. Ich gebe mir wirklich Mühe, aber für das Zubereiten von Essen muss man erstens eine Leidenschaft und zweitens eine Begabung haben: Mir fehlt Beides. Nachdem mein Gericht verzehrt wurde, bekam ich nicht etwa ein „Danke, lieb von dir“, sondern ein abschätziges Kommentar: „Köchin wirst keine.“ Lieber Mitbewohner, danke für deine herzlichen Worte, aber habe ich jemals den Eindruck erweckt, als wollte ich Köchin werden? Immer wieder höre ich von den ach so modernen Männern die Aussage, dass alle anderen Frauen kochen könnten- ist das zu fassen? Im einundzwanzigsten Jahrhundert? Für mich ist das Zubereiten von Essen eine reine Zweckmäßigkeit, weil der Mensch nun einmal einen Stoffwechsel hat und Hunger bekommt, der gestillt werden muss. Ich verbringe nicht viel Zeit mit Kochen, weil es mich einfach nicht interessiert. Das bedeutet nicht, dass ich keine gute Küche schätze und mag, aber meistens komme ich einfach nicht dazu- aus diesen und jenen Gründen. Was wohl auch noch sehr verbreitet ist, auch wenn das Thema meine Mitbewohner nicht interessiert, ist der Glaube, dass Frauen typischerweise die Kinder hüten sollten und dass sich Frauen ständig schminken sollten und zum Friseur gehen sollten- alle anderen werden als Lesben kategorisiert. Auch die Fußballspielerinnen, die meine Mitbewohner einfach für ein Riesen-Unding halten, das nicht existieren sollte und den Männersachen nicht die Sendezeit und andere Ressourcen stehlen sollte. Ja- entweder sind wir zickige Lesben oder wir müssen das machen, was Frauen halt so machen und dazu gehört wohl auch, mindestens ein Kind zu werfen, denn wozu sind wir sonst da?

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Über ruthwitt

Politikwissenschafterin.
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