Terror-Selfies

Ob Paris, Nizza, Berlin oder Barcelona: Aus den Berichten in den Medien aller Art und Unart entsteht der Eindruck, als würden alle Leute förmlich darauf warten, dass ein Anschlag passiert. Die Terror-Geilen lassen sich wohl in zwei Sorten unterteilen: Die eine Sorte schaut die anderen mit einem mahnenden Blick an und sagt Sätze wie: „Ich habe es euch ja gesagt, dass es soweit kommen wird.“ Sie warten immer auf einen Terror-Anschlag- und zwar nicht, weil sie abgrundtief böse sind, sondern eher, weil sie den lebenden Beweis dafür haben wollen, dass offene Grenzen, die sich nun schon über die halbe Welt erstrecken, eine unkontrollierte Einwanderung und die Toleranz von extremistischen Glaubensbekenntnissen unter Umständen lebensgefährlich ist und meinen, dass die Opfer eigentlich selbst schuld an dem seien, was ihnen zugestoßen ist, da sie angeblich alle Fans von offenen Grenzen und illiberalem Liberalismus sind. Die andere Sorte Terror-Geile sind die extrovertierten Narzissen, die in ihrem Leben jede einzelne Sekunde lang im Mittelpunkt stehen wollen. Das ist meiner Ansicht nach die noch schlimmere Sorte Terror-Geile als die erste. Sie posten via soziale Medien Fotos und Postings nach dem Motto: „Ich war auch da beim Terror-Anschlag.“ Und „Ich bin ganz nah am Herd des Ereignisses gewesen.“ Sie wollen mit jedem Foto und Posting die Aufmerksamkeit von Leuten erheischen- nicht, dass es sie trotz ihrer hysterischen Gesten wirklich interessieren würde, wer da umgekommen ist oder dass sie wirklich auf ihren Sauf- und Shop-Urlaub in Paris, Barcelona, Nizza oder Berlin verzichten würden. Sie freuen sich insgeheim wie kleine Kinder, wenn sie von Reportern über ihre angebliche Betroffenheit und Angst gefragt werden und kopfschüttelnd ins Mikrofon kommentieren „Ja, man hatte schon Angst.“ Einen richtigen Hype hat diese Terror-Geilheit der Narzissen mit dem 11.September erfahren. Ach, wie gut kann ich mich noch an die Bekannten und Verwandten erinnern, die hysterisch anriefen, um hysterisch ins Handy zu schreien, was da gerade passiert und welche Tante und welcher Schwipp-Schwager in der Nähe der Gebäude gerade gearbeitet hat. Alles nach dem Motto: Ich will jetzt eure ungeteilte Aufmerksamkeit und eure Bewunderung, weil ich ja irgendwie ein Held bin, weil mein Onkel fünften Grades auch irgendwo in der Nähe war. Diese Leute gehen mir echt auf den Geist, denn die machen das nur, weil sie an einem unstillbaren Drang nach Aufmerksamkeit „leiden“ und weil sich niemand für ihren krankhaften Narzissmus und ihr dauerndes Wichtigmachen interessiert, kommen sie mit „Ich war da beim Terror-Anschlag.“ Für diejenigen, die das intellektuell nicht verdauen können oder wollen: Meine Aussage ist keine Verharmlosung von Terror. Ich denke eher, dass diese Mediengeilen den Terror verharmlosen zu irgendeinem Facebook/Whats App-Event der Superlative, dank dem sie Millionen Likes mehr erhalten.

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Über ruthwitt

Politikwissenschafterin.
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