Eine Welle der Hilfsbereitschaft

Letztens höre ich in den Nachrichten, dass die überfüllten Flüchtlingslager eine Welle der Hilfsbereitschaft bei der Bevölkerung ausgelöst hätten. Die Caritas hätte alle Hände voll zu tun. Zu dieser Hilfsbereitschaft habe ich eine Erklärung: Als wir kürzlich in eine Nachbarschaft zuzogen, die voll von konservativen alten Spinnern war, war die Frau Nachbarin auch sehr hilfsbereit. Die achzigjährige Tratschen hatte einen Sack voll alter stinkender eingemotteter Blusen. Man kann sich ja diese Blusen und langen Unterhosen vorstellen. Und wie alle alten Spießer war sie sich zu gierig, diesen Müll zu entsorgen. Sie spielte also die Hilfsbereite und schenkte mir ihren Müllsack. Ich war ihr so dankbar! Eine tiefe und immerwährende Freundschaft entstand! Diese Großherzigkeit der Menschen! Jeden Tag ziehen wir jetzt eines ihrer Lumpen an und haben unsere Freude daran. Also: Diese Welle der Hilfsbereitschaft mit den Sachspenden ist die reine Gier von Leuten, die jeden Tag billige Kleidung kaufen, die von Sklaven in Asien genäht wurde, und die sich zu gierig sind, sie dann zu entsorgen. Sie wollen ihr Gewissen bereinigen, dass sie Kleidung aus Sklavenhaltung verschwenderisch einkaufen und dann eigentlich wegwerfen. Das hat nichts mit Hilfsbereitschaft zu tun, sondern ist eine Art Gewissenserleichtwerung, denn so kann man sich sagen, dass man ja was Gutes getan hat, obwohl man Arschloch genug ist, sich jeden Tag solche Menschen versklavenden Fetzen zu kaufen, die dann also kiloweise in Osteuropa und Afrika verkauft werden, wo sie dann auf der Straße oder im Wald entsorgt werden und dort die Natur bereichern. Genauso verhält es sich mit verschimmelten Büchern und vergammelten Spielzeugen, die man auch zu gierig ist, in die Mülltonne zu schmeißen. Die Asylwerber sind eine tolle Recyclinganlage unseres schlechten Gewissens. Über mich ist übrigens auch diese Welle der Hilfsbereitschaft gerollt. Ich fühlte mich wie Jesus und Maria Magdalena zusammen. Ich habe da eine Packung abgelaufene Eier. Die riechen schon wie die Hundertjährigen und wie die Blusen meiner Nachbarin. Ich werde sie jetzt in einer dieser großen Caritas-Sammelboxen werfen. Weil ich großherzig, aber sehr bescheiden bin, wie alle Stars, die lieber im Dunkeln bleiben wollen, bleibt meine Spende anonym. Hauptsache, ich spüre in meinem Herzen die wohlige Wärme, etwas Gutes getan zu haben.

Über ruthwitt

Politikwissenschafterin. In Heidelberg studiert....
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Eine Antwort zu Eine Welle der Hilfsbereitschaft

  1. buchstaeblich schreibt:

    Jepp, solche „Wohltäter“ habe ich auch schon mitbekommen.

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